Sonntagsbrief № 001 · 28. Juni 2026
An einem Sonntagmorgen.
Über einen Kaffee zwischen Tomatenpflanzen, einen Körper im Wandel und den stillen Moment, in dem man merkt: Ich bin genau hier.

Eine leichte, kühle Sommerbrise streicht über meine Haut.
Vor mir stehen meine Tomatenpflanzen. Sie tragen inzwischen kleine Früchte, auf die ich fast genauso stolz bin wie damals auf die ersten Bilder meiner Kinder.
Neben mir dampft ein guter Kaffee.
Alle schlafen noch.
Von irgendwo höre ich Kinder lachen. Ein Nachbar lässt Wasser laufen. Vielleicht gießt er seine Pflanzen. Vielleicht füllt er den Pool. Heute gefällt mir der Gedanke, dass es der Pool ist. Nach diesen tropischen Tagen und Nächten hat er sich seine Daseinsberechtigung redlich verdient.
Ich sitze einfach nur da.
Und bin glücklich.

Glück hatte nie das Bedürfnis, erklärt zu werden.
Ein stiller Sonntagmorgen. Kaffee. Pflanzen. Und für einen Augenblick nichts, das anders sein müsste.
Es ist merkwürdig.
Ich schreibe selten, wenn ich glücklich bin.
Früher habe ich geschrieben, wenn etwas weh tat. Wenn ich Antworten suchte. Wenn ich mich selbst nicht verstand.
Vor ein paar Tagen war ich bei meiner Frauenärztin.
Wir sprachen über trockene Schleimhäute. Über Hormone. Über all die kleinen Gemeinheiten der Wechseljahre, über die viel zu wenige Frauen offen sprechen.
Heute begleiten mich drei Hormonpräparate durch diese Lebensphase.
Vor vier Jahren begann alles mit Hitzewallungen. Schlaflosen Nächten. Lustlosigkeit. Schmerzen beim Sex.


Damals dachte ich tatsächlich: Das war’s dann wohl.
Fünf Kinder. Meine Aufgabe erfüllt.
Mein Körper schien mir sagen zu wollen: Danke für deinen Einsatz. Jetzt machen wir langsam Feierabend.
Wie dumm dieser Gedanke war.
Nicht mein Körper hatte mich im Stich gelassen.
Ich hatte nur geglaubt, er müsse diesen Weg allein gehen.
Heute sehe ich das anders.
Heute beginne ich langsam, mich wieder zu mögen.
Aber eigentlich wollte ich gar nicht über Hormone schreiben.
Ich wollte erzählen, wie schön es sich anfühlt, irgendwann bei sich selbst anzukommen.
Oder zumindest zu merken, dass man auf dem richtigen Weg ist.
Ich werde Ende des Jahres 55.
Früher hätte ich gedacht, dass in diesem Alter die großen Träume langsam kleiner werden.
Das Gegenteil ist passiert.

Was noch vor mir liegt
Vielleicht alles.
01Ich möchte reisen.
02Schreiben.
03Italien wieder neu entdecken.
04Noch mehr Tomaten anbauen.
05Vielleicht Keramik lernen.
06Vielleicht irgendwann ein kleines Gästehaus eröffnen.

Ja.
Bin ich.
Während ich darüber nachdenke, landet ein kleiner Schmetterling auf einer Tomatenblüte neben mir. Für einen kurzen Moment setzt er sich auf meine Hand, als wollte er überprüfen, ob ich wirklich hier bin.
Ja.
Bin ich.
Nicht, dass alles leichter wird.
Sondern dass man aufhört, ständig woanders sein zu wollen.
Man sitzt mit einem Kaffee zwischen Tomatenpflanzen.
Und denkt:
Eigentlich ist das Leben gerade ziemlich schön.
Giovanna