Köln
Ein Zuhause voller Verantwortung – und die leise Frage, wann Carla sich selbst aus den Augen verloren hat.
Roman
„Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.“
Köln · Juli 1965
Carla hat fünf Kinder, einen Mann, ein Zuhause und ein Leben, das nach außen vollständig wirkt. Doch in einem Brief an Giovanni schreibt sie den Satz, der alles ins Wanken bringt: „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.“
Sie fährt für zwei Monate nach Positano, um einen Roman zu schreiben. Dort begegnet sie einer Stadt aus Licht, Treppen und Meer – und einem Teil ihrer Vergangenheit, der noch immer einen Namen trägt.
Die vertikale Stadt erzählt von Mutterschaft, Sehnsucht und der Freiheit, sich neben allen Rollen wieder als Carla zu erkennen.
Vielleicht kennen wir Carla deshalb so gut. Weil wir selbst schon einmal zwischen dem standen, was von uns erwartet wird, und dem, was wir uns kaum noch zu wünschen trauen.
Positano
Ein Blick in
Ein Zuhause voller Verantwortung – und die leise Frage, wann Carla sich selbst aus den Augen verloren hat.
Eine Stadt aus Treppen, Licht und Meer, in der jeder Weg zugleich hinauf und zu ihr selbst führt.
Ein Name aus Carlas Vergangenheit, der in ihren Briefen und in Positano wieder gegenwärtig wird.
Worte, die Carla aufschreibt, weil sie sonst nirgends Platz finden – und die sie zurück zu sich führen.
Sie verschwindet nicht. Sie wartet darauf, wieder gehört zu werden.
Nicht nur Mutter, Ehefrau und Tochter – sondern eine Frau, die wieder eine eigene Stimme findet.
Ein Duft, der bleibt
Sie liegen in Carlas Korb, duften in den Gassen und begleiten ihre Briefe. Eine Zitrone rollt über das Pflaster, als sie Giovanni zum ersten Mal begegnet.
Herb und leuchtend zugleich werden sie zu einem stillen Motiv dieses Sommers – wie das Leben selbst, das selten nur süß oder bitter ist.
Aus Positano
Mein Herz,
ich habe getanzt und mich dabei gefürchtet. Beides war wahr.
Für ein Lied lang wusste mein Körper mehr als mein Kopf. Er erinnerte sich daran, wie Nähe einmal gewesen war, bevor sie aus Gewohnheit bestand.
Ich bin wieder eine Frau, die tanzt. Das macht mir Angst. Aber zum ersten Mal seit Langem ist Angst nicht dasselbe wie Stillstand.
Carla
„Ich war Mutter, Ehefrau, Tochter, Gastgeberin, alles. Nur nicht mehr Carla.“
Schlage die erste Seite auf
Ich saß am Schreibtisch, den Füllfederhalter noch in der Hand. Vor mir lag ein halbes Blatt, verschmiert von Tinte und gezeichnet von zu wenig Mut. Der Satz darauf brannte wie ein Geständnis.
„Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.“
Die Uhr in der Küche tickte. Das Haus summte in seinen gewohnten Geräuschen: Schritte auf der Treppe, eine Tür im Flur, Wasser in den Leitungen. Geräusche, die seit Jahren zu mir gehörten und trotzdem nichts über mich erzählten.
Ich war nicht plötzlich verschwunden. Es war Tag für Tag geschehen, in Brotdosen und Elternabenden, in aufgeschobenen Sätzen und Kleidern, die nur noch zu besonderen Anlässen aus dem Schrank durften. Ich war Mutter, Ehefrau, Tochter, Gastgeberin. Alles mit ganzem Herzen. Nur Carla war dabei leiser geworden.
Wenn ich jetzt nicht nach ihr suchte, wer sollte es dann tun?
Ich faltete das Blatt und legte es in die Schreibtischschublade. Bestimmt für ihn und doch auch für mich. Kein Abschied. Noch nicht. Aber vielleicht die Erklärung dafür, warum ich gehen musste.
Aus der Küche rief jemand meinen Namen.
Ich antwortete nicht sofort.